Margareta

[513] (König Heinrich VI. Erster Teil)


Margareta

Hier sehen wir die schöne Tochter des Grafen Reignier noch als Mädchen. Suffolk tritt auf und führt sie vor als Gefangene, doch ehe er sich dessen versieht, hat sie ihn selber gefesselt. Er mahnt uns ganz an den Rekruten, der, von einem Wachtposten aus, seinem Hauptmann entgegenschrie: »Ich habe einen Gefangenen gemacht.« – »So bringt ihn zu mir her«, antwortete der Hauptmann. »Ich kann nicht«, erwiderte der arme Rekrut, »denn mein Gefangener läßt mich nicht mehr los.«

Suffolk spricht:


Sei nicht beleidigt, Wunder der Natur!

Von mir gefangen werden ist dein Los.

So schützt der Schwan die flaumbedeckten Schwänlein,

Mit seinen Flügeln sie gefangenhaltend;

Allein, sobald dich kränkt die Sklaverei,

So geh und sei als Suffolks Freundin frei.


Sie wendet sich weg, als wollte sie gehn.


O bleib! Mir fehlt die Kraft, sie zu entlassen,

Befrein will sie die Hand, das Herz sagt nein.

Wie auf kristallnem Strom die Sonne spielt

Und blinkt mit zweitem nachgeahmten Strahl,

So scheint die lichte Schönheit meinen Augen;

Ich würbe gern, doch wag ich nicht zu reden;

Ich fodre Tint' und Feder, ihr zu schreiben.

Pfui, de la Poole! entherze dich nicht selbst.

Hast keine Zung'? ist sie nicht dort?[513]

Verzagst du vor dem Anblick eines Weibs?

Ach ja! der Schönheit hohe Majestät

Verwirrt die Zung' und macht die Sinne wüst.


MARGARETA.

Sag, Graf von Suffolk (wenn du so dich nennst),

Was gilt's zur Lösung, eh' du mich entlässest?

Denn wie ich seh, bin ich bei dir Gefangne.


SUFFOLK beiseit'.

Wie weißt du, ob sie deine Bitte weigert,

Eh' du um ihre Liebe dich versucht?


MARGARETA.

Du sprichst nicht: was für Lösung muß ich zahlen?


SUFFOLK beiseit'.

Ja, sie ist schön, drum muß man um sie werben;

Sie ist ein Weib, drum kann man sie gewinnen.


Er findet endlich das beste Mittel, die Gefangene zu behalten, indem er sie seinem Könige anvermählt und zugleich ihr öffentlicher Untertan und ihr heimlicher Liebhaber wird.

Ist dieses Verhältnis zwischen Margareten und Suffolk in der Geschichte begründet? Ich weiß nicht. Aber Shakespeares divinatorisches Auge sieht oft Dinge, wovon die Chronik nichts meldet und die dennoch wahr sind. Er kennt sogar jene flüchtigen Träume der Vergangenheit, die Klio aufzuzeichnen vergaß. Bleiben vielleicht auf dem Schauplatz der Begebenheiten allerlei bunte Abbilder derselben zurück, die nicht wie gewöhnliche Schatten mit den wirklichen Erscheinungen verschwinden, sondern gespenstisch haftenbleiben am Boden, unbemerkt von den gewöhnlichen Werkeltagsmenschen, die ahnungslos darüber hin ihre Geschäfte treiben, aber manchmal ganz farben- und formenbestimmt sichtbar werdend, für das sehende Auge jener Sonntagskinder, die wir Dichter nennen?[514]

Quelle:
Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden. Band 5, Berlin und Weimar 21972, S. 513-515.
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